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Die Folgen des Ukraine-Kriegs auf deutsche, europäische und globale Märkte

Die dfv Mediengruppe in Frankfurt/Main lud zu einem Livestream mit Experten aus ihrem Haus: Mariya Yaroshko vom deutsch-ukrainischen agrarpolitischen Dialog meldete sich aus Kiew, im Studio berichteten Chefredakteurinnen und -redakteure diverser Fachzeitungen über die Lage im Lebensmittelhandel, im Tourismus und in der Werbewirtschaft – mit vielen konkreten Zahlen und Prognosen.

Moderator Andreas Scholz kündigte erstmals eine realistische Einschätzung der wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs an – also inklusive der Märzzahlen. Die Inflation im Euroraum steigt unaufhörlich: In Deutschland liegt sie mittlerweile bei 7,3 %. So hoch wie zuletzt 1981 während des ersten Golfkriegs. In Österreich liegt sie mit 6,8% nur knapp darunter. Besonders hoch ist sie momentan in den Niederlanden (12%) und dem Baltikum. Und Scholz ergänzt: „Sie ist gekommen, um länger zu bleiben.“

Schuld sind natürlich die explodierenden Energiepreise: Die sind zuletzt im Euroraum um 44 % gestiegen. Dazu kommt die Rückkehr der Pandemie in China mit Lockdowns beispielsweise in der Millionenstadt Shanghai. Das wirkt sich erneut auf die Lieferketten aus. Sollte es tatsächlich zu einem Energieembargo gegenüber Russland kommen, wird das die Inflation weiter anheizen. Scholz rechnet mit zusätzlichen 2 Prozent und mindestens 10 Prozent Inflation.

Und das obwohl der Ölpreis zuletzt wieder gesunken ist: Von 125 Dollar bei Brent auf 100 Dollar. Bei einem Embargo könnte er auf katastrophale 180 Dollar hochschnellen. Scholz kann sich vorstellen, dass Putin die Energielieferungen von sich aus stoppen könnte, um den Westen weiter unter Druck zu setzen.

Der Ukraine-Krieg ist ja längst auch ein Wirtschaftskrieg. Würde es dazu kommen, rechnet er für Deutschland mit einem Rückgang des BIP um 2 Prozent. Da stellt sich natürlich die Frage, ob wir das nicht angesichts der furchtbaren Opfer des Kriegs auf ukrainischer und auch russischer Seite nicht aushalten sollten…

Das BIP halbiert sich gerade, bei einem Gasstopp sänke es in Deutschland auf null. Scholz sagt, dass Deutschland schon jetzt unter einer „technischen Rezession“ leide: Zwei Quartale hintereinander sei das deutsche BIP gesunken. Er spricht von einer „Rezflation“, wenn es diesen Begriff gäbe.

Landwirtschaft in der Ukraine

Dann schaltetet das Team vom Fachverlag Dfv nach Kiew zu Mariya Yaroshko, die dort für den deutsch-ukrainischen agrarpolitischen Dialog arbeitet. Sie schilderte die dramatische Lage der Landwirtschaft in einem kriegsgeplagten Land. Und da die Ukraine ein großer Exporteur von landwirtschaftlichen Produkten ist, hat das globale Auswirkungen.

Sie sagt, die Situation gerade am Land sei sehr ernst. Dennoch finde Landwirtschaft statt. „Wir müssen die Versorgung der ganzen Welt mit Lebensmitteln sichern“, sagt sie. Wie die Weizenernte – die Ukraine gilt ja als Kornkammer Europas – heuer ausfalle, könne man noch nicht sagen. Aber alle würden solidarisch zusammenarbeiten. Der ukrainische Staat unterstütze die Bauern, wo er kann, räumt alle bürokratischen Hürden weg. Yaroshko bezeichnet die Ukraine als das „momentan deregulierteste Land der Welt“.

Problematisch sei auch die Tierhaltung. Viele kleine Bauernfamilien mussten bei ihrer Flucht ihre Tiere zurücklassen. Sie haben sie freigelassen in der Hoffnung, dass sie zu einem anderen Bauernhof laufen. Viele Tiere seien auch bei gezielten Angriffen auf große landwirtschaftliche Betriebe gestorben. Oft sei der Strom mehrere Tage ausgefallen, die Tiere hatten kein Wasser und Futter und sind schlicht verdurstet.

Eine große Herausforderung sei auch der Export. Die ukrainische Infrastruktur ist stark in Mitleidenschaft gezogen worden (Häfen, Eisenbahnstrecken, Straßen). Früher habe man monatlich 5 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Güter transportiert, momentan sind es nur 0,5 Millionen. Es fehlen natürlich auch Lkw-Fahrer. Das summiere sich auf 1,5 Milliarden Euro Verluste – pro Monat.

Aber Mariya Yaroshko lobt auch die große Solidarität, die sie aus Deutschland erfahre. Die Hilfe sei gut organisiert und komme auch an.

Steigende Preise im Supermarkt

Solche Schwierigkeiten in der ukrainischen Landwirtschaft müssen Auswirkungen auf unsere Lebensmittelversorgung haben (und nicht nur auf die berühmten ukrainischen und russischen Kabelbäume, die jetzt in der Autoproduktion fehlen). Das kann Jan Mende, stellvertretender Chefredakteur der Lebensmittelzeitung, bestätigen. Diese Woche wurden die Lebensmittelpreise in Deutschland landesweit im Schnitt in den Supermärkten um 30 % angehoben.

Aldi (Hofer) war vor drei Wochen der Erste, jetzt haben alle nachgezogen. Ein Stück Butter kostete im November 2021 1,65 Euro. Jetzt sind es 2,09 Euro. Biokartoffeln sind um 33,5 % gestiegen, Bananen um 10 %, Faschiertes vom Rind um 14 %. Mende sieht momentan Erhöhungen zwischen 5 und 40 Prozent – je nach Produkt. Er rechnet damit, dass die Preise noch weiter steigen werden. Zumindest werden sie so schnell nicht wieder fallen.

Eine entscheidende Rolle dabei spiele der Weizen. Der sei nicht nur beim Brot und anderen Mehlspeisen wichtig, sondern vor allem beim Tierfutter und damit bei den Fleischpreisen. Deutschlands größter Fleischbetrieb Tönnies habe bereits die Preise erhöht.

Ein anderes Beispiel sei Glas: Das werde auch in der Ukraine erzeugt (Flaschen) und fehle jetzt, weil Glasfabriken zerstört worden sind. Das ist schlecht für die Getränkeindustrie.

Generell müssten die Einkäufer im LEH und anderswo im Handel umdenken: Jetzt gehe es nicht nur mehr darum, möglichst billig einzukaufen, sondern auch darum überhaupt etwas zu bekommen, die Lieferkettten umzustellen, sich neue Lieferanten zu suchen. Kurz: Die Logistik und die Versorgung sicherzustellen. Weizen kommt jetzt zum Beispiel verstärkt aus den USA, Weißgeräte (Waschmaschinen, Kühlschränke) wieder verstärkt aus Europa statt aus Fernost.

Sozialer Sprengstoff

Wie kann man die rasant steigenden Preise abfedern? Den schlechter verdienenden Menschen muss geholfen werden, das hat soziale Sprengkraft. In Deutschland diskutiert man Senkungen bei der Mehrwertsteuer – zum Beispiel auf 7 % bei allen Lebensmitteln. Oder bei solchen Gütern, die jetzt schon einen reduzierte Mehrwertsteuer haben, eine Senkung auf null. Man redet über einen Einkommenssteuernachlass und erhöhte Harz IV-Sätze (Mindestsicherung). Frankreich hat in der Richtung schon erste Schritte gesetzt.

Teure und längere Flüge

Sabine Pracht, Chefredakteurin von TravelTalk berichtete von der Lage im Tourismus. Im Outgoing habe die Ukraine und Russland nie eine große Rolle gespielt, im Incoming sehr wohl – besonders in der Luxussparte waren russische und ukrainische Gäste gern gesehen. Das gilt natürlich und vor allem auch für Österreich.

Die fallen nun aus, die Russen allerdings schon länger aufgrund der Pandemieregeln (Sputnik). 2019 hätten die Russen noch für 2 Millionen überwiegend eher teure Übernachtungen in Deutschland gesorgt, 2021 seien es nur noch 300.000 gewesen. Die Airlines leiden generell unter den Auswirkungen des Kriegs: Langstreckenflüge von und nach Asien werden generell länger und teurer.

Richtung Asien müsse man mit zwei bis drei Stunden mehr rechnen, weil man auf südlichere Routen ausweichen müsse. Das erhöht natürlich auch den Kerosinverbrauch, und dessen Preis ist ohnehin gestiegen. Also werden Flüge auch teurer. Bei gebuchten Reisen können das die Fluglinien nicht an ihre Kunden weitergeben, müssen die Kosten also schlucken.

Das liegt an der 2018 geänderte EU-Pauschalreiserichtlinie. Da hätten die Airlines die Option gehabt, eine Preisanpassungsklausel mitaufzunehmen. Das haben sie ausgeschlagen, weil sie davon ausgegangen sind, dass die Preise eher sinken und die wollten sie nicht an ihre Kunden weitergeben müssen. Alle, auch einige Billiganbieter wie Ryan, haben bereits Preiserhöhungen angekündigt.

Wie sich das bis in den Sommer entwickeln wird, sei noch völlig unklar, sagt Pracht. Eigentlich waren die Geschäftsaussichten im Tourismus ausgezeichnet, einige Anbieter hätten bereist von besseren Geschäften als vor Covid gesprochen.

Dann zeigt sie eine Grafik zum Reiseverhalten weltweit seit 1986. Da sieht man, dass eigentlich immer auf gleich hohem Niveau gereist wurde – egal wo und welche Krisen gerade auf der Erde brodelten: Golfkriege, Jugoslawienkrieg, Brände, Stürme, Erdbeben, Finanzkrise. Es gab nur zwei Einbrüche: 1986 beim Unglück in Tschernobyl und in den letzten beiden Jahren wegen Corona. Sie geht eher nicht davon aus, dass sich der Ukrainekrieg wirklich spürbar auf die weltweite Touristik auswirken wird.

Keine Zeit für Werbung

Für die Werbebranche muss Eva-Maria Schmidt von Horizont düstere Aussichten prognostizieren: „Das Jahr könnte noch dramatisch werden“, warnt sie. Dabei sei alles so gut losgegangen: Die Stimmung zum Jahreswechsel sei äußerst optimistisch gewesen. Jetzt gebe es große Probleme: Bereits gebuchte Motive werden angesichts der Kriegsmeldungen hinterfragt, ob sie nicht zu fröhlich oder harmlos wirkten. Die Umsätze im März seien um 5 bis 10 Prozent zurückgegangen, ein Ende sei nicht abzusehen.

Das hänge auch mit der Autoindustrie zusammen, die vor allem im Fernsehen für viele Werbeminuten sorgt. Deren Auftragsbücher seien zwar voll, sie können aber nicht liefern. Momentan können 400.000 Autos in Deutschland nicht gebaut werden, weil die Lieferketten nicht mehr funktionieren. Das begann während der Pandemie bei fehlenden Chips aus Asien und hört jetzt noch nicht bei fehlenden Kabeln aus Osteuropa auf. E-Autos sind momentan komplett ausverkauft. Für die brauche man dann auch keine Werbung zu schalten.

Der Handel generell präsentiere sich stabil, aber sehr verunsichert. Die großen Discounter geben momentan deutlich weniger für Werbung aus. Obwohl sich die Medien gerade an großer Aufmerksamkeit und hohen Einschaltquoten und Marktanteilen erfreuen, werden Werbebudgets zurückgefahren, weil man nicht im Umfeld der allgegenwärtigen Kriegsberichterstattung erscheinen möchte.

Moral und Geschäft

Wichtig ist den Menschen in Deutschland auch, wie sich große Markenunternehmen jetzt konkret verhalten: Bleiben sie bei ihren Russlandgeschäften oder ziehen sie sich zurück? Wie positionieren sie sich? Das verfolgen die Menschen ganz genau, wie eine Umfrage der GfK ergeben hat. Nestlé wurde bereits vom ukrainischen Präsidenten scharf kritisiert.

Bild: Pixabay
Beitrag: Thomas Askan Vierich
6. April 2022
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